00:00:01: Sie hören den Hörgang MedUniGradz, den Podcast von Springer Medizin, gemeinsam
00:00:07: mit der MedUniGradz.
00:00:10: Die Wahrheit hinterlässt ihre Spuren.
00:00:12: Man muss nur wissen, wo man suchen soll.
00:00:15: Freien nach außer Konnendoll begrüße ich Sie zu einer neuen Folge des Hörgang MedUniGradz, in dem wir dort hinschauen, wo andere wegschauen.
00:00:24: Heute geht es, wie gesagt, um Spuren, nicht die im Schnee, sondern jene, die Gewalt, Traumata oder Verbrechen am Körper hinterlassen.
00:00:32: Spuren, die Geschichten erzählen, wenn man sie lesen kann.
00:00:36: Meine Gesprächspartnerin Kandas, Prof.
00:00:39: Dr.
00:00:39: Sarah Heinze, ist Gerichtsmedizinerin, Radiologin und Leiterin der Gewaltambulanz hier in Graz an der Metone.
00:00:47: Eine Frau, die buchstäblich Knochen zum Sprechen bringt und mit ihrer Arbeit dafür sorgt, dass Opfer von Gewalt nicht nur Hilfe bekommen, sondern Gerechtigkeit erfahren.
00:00:57: Im besten Fall.
00:00:59: Grüß Gott.
00:01:00: Grüß Gott.
00:01:00: Vielen herzlichen Dank, dass ich heute hier sein darf.
00:01:03: Wie sieht die forensische Medizin heute aus, jenseits von Tatort und Netflix?
00:01:07: Was kann ein CT im Gerichtssaal beweisen?
00:01:10: Und warum geht die Gerichtsmedizin immer öfter dahin, wo sich das alltägliche Leben abspielt?
00:01:16: In Ambulanzen, in Notaufnahmen und sogar in die Telemedizin.
00:01:20: Darüber sprechen wir jetzt.
00:01:22: Noch einmal guten Tag Frau Professor Heinze.
00:01:24: Guten Tag.
00:01:25: Schönen Vormittag und schön, dass wir Sie heute hier in Graz besuchen dürfen.
00:01:29: Bevor wir in die Gewaltambulanz eintauchen.
00:01:32: Wer ist eigentlich die Frau, die hier eine neue Form der Gerichtsmedizin etabliert und etabliert hat?
00:01:38: Was treibt sie an, so zwischen Skalpell und Scanner?
00:01:41: Sie sind sowohl Gerichtsmedizinerin als auch forensische Radiologin, zwei Fächer, die auf den ersten Blick weit auseinander liegen.
00:01:50: Was reizt sie daran oder was hat sie daran gereizt, ursprünglich diese beiden Welten zu verbinden?
00:01:55: Sie haben es eben schon gesagt, auf den ersten Blick auseinanderlegen.
00:01:58: Das ist eigentlich gar nicht so.
00:01:59: Ich war erst Gerichtsmedizinerin und die Radiologie hat immer mehr Einzug erhalten in unser Fach.
00:02:05: Und wenn man ganz ehrlich ist, war sie eigentlich auch schon immer da.
00:02:08: Bereits ein Jahr nach Entdeckung der Röntgenstrahlen gab es die ersten forensischen Aufnahmen mit Projektilen einem Unterschenkel, die auch im Gerichtsverfahren verwertet worden sind.
00:02:18: Und da wir ja als Gerichtsmediziner und Gerichtsmediziner vor Gericht als Sachverständige auftreten, brauchen wir natürlich auch Fachwissen.
00:02:24: Und es gibt keine wirkliche Ausbildung in forensischer Bildgebung.
00:02:28: Das heißt für uns oder für mich war es einfach der zweite Verrats damit.
00:02:31: Und deshalb habe ich die Radiologie als zweite Verrats Ausbildung nachgeholt und kann jetzt beides gemeinsam in einer Person als forensische Bildgebung gut verwenden.
00:02:40: Sehr beliebte Reporterfrage gab es ein Schlüsselerlebnis, dass sie für die Gerichtsmedizin begeistert hat.
00:02:46: Als sie wussten, ja, das ist es.
00:02:49: Ich war selber immer im praktischen Jahr in einer Gerichtsmedizin, um einfach mal reinzuschnuppern.
00:02:54: Und da muss ich sagen, es hat mir so gut gefallen, aufgrund dessen, dass es viele verschiedene Bereiche abdeckt.
00:03:01: Ich selber viel bewirken kann, umso besser ich bin und ich nicht jeden Tag dasselbe mache, sondern wirklich durch die verschiedenen Bereiche, die Gerichtsmedizin hat, auf die wir bestimmt auch gleich noch zu sprechen kommen werden, einen sehr interessanten Tagesablauf habe und wirklich für die einzelnen Personen etwas bewirken kann.
00:03:20: Wir leben in einer... Ja, in einer Tatortgesellschaft.
00:03:23: krimis boomen, wie nie zuvor, zumindest hat man den Eindruck, immer dabei ein forensischer Gerichtsmediziner, wobei oft auch nur Pathologe drüber steht, auf dem Türschild.
00:03:36: Stoßen Sie sich eigentlich an Klischees?
00:03:40: Selten.
00:03:40: Also eine Frage, die immer wieder kommt, ist die Zertatzeit.
00:03:44: Da muss man sagen, wir sind nicht so gut wie im Fernsehen, wir lösen auch nicht innerhalb von forty fünf Minuten jeden Fall.
00:03:50: brauchen wesentlich länger für unsere Arbeit, machen auch viele Bereiche oder auch andere Tätigkeiten, die nicht im Fernsehen vorkommen.
00:03:58: Und es ist komplett richtig, wir sind keine klinischen Pathologen, das sind zwei verschiedene Facharztrichtungen.
00:04:03: Und wir sind für nicht natürliche Tode da, beziehungsweise für unkläre Todesfälle.
00:04:09: Sprechen wir jetzt ein wenig über Ihren Alltag.
00:04:10: Wenn jemand hier in Graz, wir sind hier in der Gewaltambulanz an der MED-Uni, wenn hier jemand hereinkommt, was passiert dann?
00:04:17: Wie läuft die Untersuchung hier ab?
00:04:20: Und was macht sie so besonders?
00:04:21: Ist es die Art der Befragung, die Art der Fragen, die sie stellen an die Person, die Gewalt erfahren hat?
00:04:28: Ist es die Untersuchung oder ist es vielleicht auch die einfühlsame Art der Ärztinnen?
00:04:35: Erst mal haben wir eine Handynummer unter der wir bitten, dass man uns anruft.
00:04:38: Es ist nämlich ganz wichtig, wir wollen ja nur einmal untersuchen und wir wollen auch zum bestimmten Zeitpunkt untersuchen.
00:04:44: Das heißt, an diesen Telefonen gehen unsere Ärzte und Ärzte direkt dran und fragen schon die ersten wichtigen Punkte ab, damit wir entscheiden können, ob wir uns hier bei uns in der Gewaltambulanz treffen oder aber zum Beispiel in einer anderen Ambulanz in der Klinik, wenn wir eine andere Fachrichtung benötigen, wie Gynäkologie oder Kinderheilkunde.
00:05:02: Es kann auch Unfallstheorie sein.
00:05:04: Und das sind natürlich ganz wichtige Punkte, die es vor Jahr zu klären gilt.
00:05:08: Wenn es dann zu der eigentlichen Untersuchung kommt, ist es immer eine von Kopf bis Fuß Untersuchung.
00:05:14: Die braucht natürlich Zeit, auch ganz wichtig, dass halt nicht jemand hereinflusst zwischendurch, sondern dass wir wirklich Ruhe haben, dass man Vertrauen aufbauen kann und wir untersuchen bzw.
00:05:23: dokumentieren, während der Untersuchung sämtliche möglichen Spuren und fragen natürlich auch ein bisschen was zu dem Ablauf, was geschehen ist, wann es geschehen ist.
00:05:33: Und ganz wichtig ist, dass diese Untersuchung und Dokumentation gerichtsverwertbar ist.
00:05:39: So gerichtsfest gemacht wird, wie es heißt.
00:05:42: Es klingt ja so logisch, aber für jemanden, der direkt von Gewalt betroffen ist, ist es vielleicht nicht sofort einleuchtend.
00:05:48: Warum kann eine gut dokumentierte Verletzung über Schuld oder Unschuld spät in einem allfälligen Verfahren entscheiden?
00:05:57: Es ist so, dass man sich im Strafverfahren befindet und dafür muss ich Beweise haben, die objektivierbar sind.
00:06:03: Und da kann ich nicht nur sagen, es hat irgendwo weh getan, sondern ich muss halt auch dazu sagen, es gibt eine Schwellung, es gibt einen Hematom, also einen blauen Fleck zum Beispiel.
00:06:10: Und ganz wichtig natürlich auch, wenn ich sagen möchte, wo kommt der eigentlich her, dass ich ihn näher beschreibe, zum Beispiel mit der Form, sind es Griffspuren.
00:06:18: Es ist eine geformte Verletzung von einem Gegenstand und passt auch aus Alter der Verletzung zu dem angenommenen Tatzeitraum.
00:06:25: Und erst dann haben wir wirklich einen gerichtsverwertbaren Befund.
00:06:28: Sie haben in einem Interview gesagt, dass sich die Zahl der dokumentierten Verletzungen im Vorjahr verdreifacht hat.
00:06:36: Ich glaube, das habe ich so im Hinterkopf.
00:06:38: Was sagt das eigentlich über unsere Gesellschaft aus, über das Problem mit der Gewalt in unsere Gesellschaft?
00:06:46: Die Frage ist sehr schwer, denn die steigenden Zahlen bedeuten nicht unbedingt eine steigende Gewalt, ganz im Gegenteil, sondern es ist so, wenn man das auch mit anderen anderen Gegenden vergleicht, dass wir eigentlich eher bekannter werden und die Scham und auch die Hemmschwelle sinken, dass man zu uns kommt.
00:07:05: Also eigentlich sind die steigenden Zahlen momentan etwas sehr Gutes, nämlich, dass man wirklich uns akzeptiert und die Hilfe in Anspruch nimmt.
00:07:13: Wir sprechen am dem Internationalen Gedenktag für alle Mädchen und Frauen, die Opfer von Gewalt werden.
00:07:22: Die Gewaltschutzambulanz hier in Graz fügt sich ja seit Die gibt es seit dem Jahr, und die fügt sich ein in ein System, in dem die Polizei-Spitäler-Opfer-Schutzeinrichtungen zusammenarbeiten sollen.
00:07:35: Idealerweise gibt es in diesem System noch Lücken-Schwachstellen.
00:07:39: Ich glaube, dass wir hier bei uns in der Umgebung ein sehr gutes System haben.
00:07:44: Und wir haben auch Gott sei Dank seit einem Jahr eine Solatelozin.
00:07:47: Das ist eine Sozialarbeiterin mit Trauma-Ausbildung.
00:07:51: Und die hat eine ganz wichtige Lücke geschlossen.
00:07:53: Und zwar ist sie dafür da, dass sie auch ... Erst man sich vernetzt, aber ganz wichtig, nach den Untersuchungen Patientinnen und Patienten auch an die Hand nehmen kann und gemeinsam zu passenden Hilfseinrichtungen gehen kann oder auch gemeinsam zu Polizei, also physisch hingehen kann.
00:08:07: Und damit ist man nicht darauf angewiesen, dass man sich selber irgendwo meldet oder auf ein Flyer reagiert, sondern man hat wirklich direkt die Hilfe, die man benötigt.
00:08:15: Und ich glaube, das ist eine ganz wichtige Lücke, die wir hier schließen konnten und hoffe, dass es auch dementsprechend weitergeht.
00:08:22: Ich habe mal gehört in einem früheren Interview, das gegeben hat, dass eben die Frage gestellt wurde, warum die Bildgebung jetzt so eine wichtige Rolle spielt in der Forensik.
00:08:32: Das ist zum Teil richtig, weil Röntgen wurde ja schon immer eingesetzt in der Gerichtsmedizin.
00:08:39: Ganz wichtig ist natürlich ein CT und für gewisse Fragestellungen auch das MRT.
00:08:44: Jetzt ganz allgemein gefragt, wie helfen moderne bildgebende Verfahren dabei, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
00:08:52: Wir unterscheiden prinzipiell erstmal zwischen der postmortalen Bildgebung und natürlich der klinischen Bildgebung.
00:08:58: Und wir verwenden auch immer mehr bereits in der Klinik und aus anderen Gründen durchgeführte Bildgebung mit einer forensischen Befundung.
00:09:06: Stellen Sie sich mal vor, ein Kind kommt in die Klinik mit Verdacht auf Kindesmesshandlung oder aber auch einfach mit dem gebrochenen Bein oder auch mit dem Verdacht auf dem Schütteltrauma.
00:09:14: Und dann haben wir da bestimmte Befunde und diese werden unter forensischen Gesichtspunkten dann beurteilt oder nach einem Verkehrsunfall oder einer Schlägerei.
00:09:23: Man bekommt in der Klinik auch Bildgebung, die kann verwendet werden.
00:09:27: Und damit kommen wir natürlich dichte an ihre Konstruktionen dran und können natürlich auch helfen zu sagen, was ist eigentlich passiert.
00:09:34: Als Zweites haben wir den großen postmortalen Anteil.
00:09:36: Das ist genau das, was in Sektionen nur vor einer Obduktion passiert.
00:09:40: Das heißt, wir machen eine Ganzkörperuntersuchung.
00:09:43: Und auch da haben wir die Möglichkeit, natürlich gerade auch an armen Beinen Rücken etwas zu entdecken, was wir eventuell nicht entdecken würden, wenn wir dort nicht präparieren würden.
00:09:51: Und ganz wichtig, ich kann auch hier Rekonstruktionen machen, drei D-Rekonstruktionen, die ich natürlich auch vor Gericht hinterher zum Erklären verwenden kann, um auch Leien erklären zu können, um Blutig erklären zu können.
00:10:03: was ist wirklich passiert?
00:10:05: Wir sind in einer geschworenen Verhandlung und Sie sind das Gutachter geladen und Sie legen Bilder vor von schweren Verletzungen.
00:10:15: Im Vergleich dazu hätten Sie auch ein drei D-Modell sozusagen im Angebot, wenn man jetzt ein Lob formuliert, was ist da das für und wieder?
00:10:24: Das Führer ist auf jeden Fall von dem dreideedruck zum Beispiel von einem Schädel, dass sich halt unblutig erklären kann, was passiert ist und man sich nicht mit diesen blutigen Bildern konfrontiert.
00:10:36: Das heißt, ich kann der Geschichte wirklich folgen und auch der Rekonstruktion bis zum Schluss folgen.
00:10:42: nicht an diesem Bild verhaftet.
00:10:45: Und ich glaube, das ist ein ganz großer Vorteil gerade für Laien, die halt noch nie mit einem verstorbenen Ohr, mit schwerer Gewalt konfrontiert worden sind.
00:10:52: Gibt es einen Fall, in dem so CT oder MRT Bildgebung den entscheidenden Durchbruch gebracht hat, den eine klassische Obduktion nicht erbracht hätte?
00:11:04: Da darf ich ein bisschen wissenschaftlich darauf antworten.
00:11:06: Es gibt relativ viele Studien, die zeigen, wo bringt es wirklich viel, wo bringt es ein bisschen weniger.
00:11:13: Aber gerade auch natürlich bei verschiedenen Verletzungen im Bereich der arme Beine, das Rücken, das ich eben erwähnt habe, genauso wenn ich Fremdkörper finden möchte, wie zum Beispiel Projektile oder Fragmente von Projektilen, aber auch in Verbindung mit der Gefäßdarstellung.
00:11:27: wirklich bei Gefäßverletzungen hat die postmortale Bildgebung einen deutlichen Vorteil.
00:11:33: Und damit meinen Sie in der Regel das CT.
00:11:35: Das CT ist es meistens MR wesentlich weniger.
00:11:38: Und genauso wie bei den Patienten im Leben gibt es natürlich viel weniger MRs und Kapazitäten.
00:11:43: Und es dauert natürlich auch länger.
00:11:44: Und im CT bin ich viel schneller dabei.
00:11:47: Und da muss man sagen aber auch, dass wir noch nicht so sind oder wir wollen auch gar nicht die Obduktion selber ersetzen, sondern eigentlich eine Kombination von beiden, um möglichst gut zu sein.
00:11:56: Sie arbeiten auch an telemedizinischen Konzepten.
00:11:59: Wie kann die Telemedizin dazu beitragen, dass Opfer die gleichen Chancen haben, die gleiche Versorgung bekommen?
00:12:06: Von gewalt betroffenen Personen können ja nicht mehrere Stunden warten, bis sie untersucht werden und die Gewalt dokumentiert wird.
00:12:13: Und wir sind immer ein Flächenland und haben dementsprechend verschiedene Bundesländer auch zu versorgen.
00:12:18: Das gilt für alle gerichtsmedizinischen Institute und müssen natürlich auch von A nach B einfach hinkommen.
00:12:24: Und wenn ich klinisch tätig Arzt bin, dann habe ich als Intention natürlich zu heilen und habe nicht sechs Jahre lang Gewalt gelernt.
00:12:32: und auf die forensischen Punkte genau zu achten.
00:12:35: Das muss ich auch gar nicht.
00:12:36: Ich habe ein ganz anderes Ziel.
00:12:38: Und wir möchten aber, dass jede Untersuchung wirklich gerichtsverwertbar ist.
00:12:43: Und das ist das Ziel, was wir verfolgen.
00:12:45: Und dafür möchten wir unsere Expertise an den Ort des Geschehens bzw.
00:12:48: dicht dranbringen.
00:12:50: Und das bedeutet, dass wir bei uns bei der Telemedizin ein System mit Hilfe des Landessteiermarkts erstellt haben, wo ich mit den Augen des Untersuchers live mitschauen kann, bei uns aus dem Institut heraus und auch kommentieren kann.
00:13:03: Das heißt, am Anfang stelle ich mich natürlich vor, damit der andere auch weiß, wer ich eigentlich bin, was wir machen, dass wir die besten mögliche Versorgung geben möchten und gemeinsam durch die Untersuchung durchführen.
00:13:13: Und damit habe ich sozusagen die gerichtsmedizinische Expertise direkt vor Ort.
00:13:20: Und kann halt die Untersuchung auch wirklich gerichtsverwertbar zur gleichen Qualität haben oder zur fast gleichen Qualität haben, wie ich sie hier auch in Gerats- oder Umgebung habe.
00:13:31: Und das schaffe ich halt ohne Telemedizin nicht.
00:13:33: Und wir kennen das aus anderen Fachbereichen.
00:13:35: Und auch gerade durch Corona gab es eine ganz große Aktivierung.
00:13:38: nochmal zur Telemedizinwelle.
00:13:40: Und da muss man erst sagen, warum sollen wir es nicht nutzen?
00:13:43: Sehen Sie eigentlich ein Potenzial für künstliche Intelligenz in der Gerichtsmedizin?
00:13:47: Etwa beim Erkennen von typischen Verletzungsmustern?
00:13:50: gibt es da ausreichend radiologische Daten dafür?
00:13:54: Prinzipiell sehe ich ein Potenzial zum Beispiel bei dem Erkennen von Rippenfrakturen.
00:13:59: Aber auch anderen Verletzungen, das Problem für uns ist, dass wir eben keine ausreichenden Daten haben.
00:14:04: Ich brauche als Basis natürlich sehr gut befundete Daten nach einem Goldschald befundet und die ausreichende Anzahl.
00:14:11: Und ich darf auch nicht vergessen, wenn wir im Strafverfahren sind, ich brauche hier auch eine Beweiskette.
00:14:14: Das wird auch dort natürlich viel diskutiert.
00:14:17: Aber ich kann mir keine in Häkchen Blackbox erlauben.
00:14:20: Und solange diese Punkte nicht geklärt sind, wird die KI noch nicht ganz so schnell in die Gerichtsmedizin einziehen.
00:14:28: Damit all das funktioniert, braucht es Expertise.
00:14:30: Sie bilden forensic nurses aus, was lernen die Pflegekräfte und warum ist diese Ausbildung so wichtig?
00:14:37: Genau, das ist ein Kurs, der über zwei Semester berufsbegleitend läuft und ganz wichtig ist natürlich erstmal das Gewalt erkennen, denn wenn niemand Gewalt erkennt, können wir auch nicht dokumentieren.
00:14:49: Und dann haben wir eben ja schon gesagt, dass auch das Gerichtsverwert bei Dokumentieren ganz wichtig ist.
00:14:54: Da wir als Gerichtsmedizinerinnen und Gerichtsmediziner nicht überall in der Fläche sein können, brauchen wir einfach Personen, die die Gewalt erkennen und auch wissen, was sich zeitnah dokumentieren muss, auch gegebenenfalls, bevor überhaupt jemand dazu rufen kann.
00:15:08: Und Gewalt muss natürlich auch angesprochen werden.
00:15:10: Das heißt, ich lerne, wie kann ich jemanden daraufhin ansprechen, mit Schauspielpatienten, mit psychologischer Begleitung, da es natürlich auch eine Ausnahmesituation ist.
00:15:19: Und schließlich auch den rechtlichen Anteil durch unsere Juristen, was bedeutet das eigentlich, wenn ich was dokumentiere, wenn ich auch mal vor Gericht vielleicht als Zeugin, als Zeuge aussagen muss.
00:15:28: Und damit glaube ich, haben wir einen sehr guten, ja ... Kurs geschaffen, wo ich wirklich viel lernen kann für ein fundiertes Wissen, um genau die Lücken, die wir woanders haben, noch aus Ersetzen zu können und dass sie nicht mehr weiter bestehen und damit eigentlich eine ganz wichtige Berufsgruppe eingeschlossen haben, die manchmal auch viel, viel mehr von Patienten erfährt oder von ihnen sieht, als die Ärztin oder der Arzt dazu Visite kommt.
00:15:56: Bleiben wir gleich beim Thema Ausbildung Personal.
00:15:59: In Österreich gibt es Rund dreißig Gerichtsmedizinerinnen und Gerichtsmediziner, was muss passieren, um den Nachwuchs zu sichern, wenn er denn nachkommt?
00:16:10: Das ist eine sehr herausfordernde Prüfung.
00:16:13: Genau, also vor allen Dingen haben diese Menschen oder die Gerichtsmedizinerinnen ein Durchschnittsalter von zweiundsechzig und wir haben eine Ausbildungszeit für die Fahrradausbildung von sechs Jahren.
00:16:25: Ich glaube, ganz wichtig ist, dass wir mehr Fachärzte und Fachärzte ausbilden, als wir eigentlich selber im Institut abschätzen können, dass wir sie benötigen.
00:16:33: Denn wir haben im ganzen Dachraum einen Mangel an Gerichtsmedizinerinnen.
00:16:38: Und unser Fach ist so vielfältig, dass wir es auch jetzt hier in Graz merken, dadurch, dass wir eine gute Formulantin vom Landbetreuung, KPJ-Betreuung machen.
00:16:49: Wir könnten viele Assistenzärzte, Assistenzärzte anfangen, auszubilden, wie das Interesse ist, auf jeden Fall da.
00:16:56: Und dafür braucht es natürlich gute Ausbildungskonzepte und auch eine sehr engmaschige und gute Betreuung, wenn man darf nicht vergessen, dass diese neuen Fachärzte nach sechs Jahren Ausbildung direkt altgedient ersetzen müssen.
00:17:07: Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den wir berücksichtigen müssen und wo wir alle uns an die Nase fassen sollten und so gute Ausbildung, wie es irgendwie geht, allen ermöglichen.
00:17:18: Als Leih kann man das ja nicht so beurteilen, aber man hört es immer wieder, dass in Österreich zu wenig Obduktionen angeordnet werden und Gewaltverbrechen unentdeckt bleiben.
00:17:29: Macht Ihnen, stimmt das überhaupt?
00:17:30: Frage eins und zweitens macht Ihnen das Sorge.
00:17:33: Zu wenig obduziert?
00:17:34: Ja, als Gerichtsmedizinerin auf jeden Fall.
00:17:36: Und wir möchten natürlich auch, dass viele unklare Fälle obduziert werden, um genauer hinschauen zu können.
00:17:43: Wie viel wirklich unentdeckt bleibt, ist ja eine Dunkelziffer, von daher kann ich Ihnen die Frage nicht ganz genau beantworten.
00:17:49: Aber ich glaube ganz fest, umso besser unsere äußere Leichenbeschau ist und umso mehr oder besser wird dort ausbilden, umso weniger wird auch unentdeckt bleiben.
00:17:58: Und das ist, glaube ich, auch ein wichtiger Ausbildungsschritt, den wir für sämtliche Medizinerinnen und Mediziner gehen müssen.
00:18:03: Wenn Sie tätig werden in der Gewaltambulanz, ist der Schaden bereits angerichtet.
00:18:08: Was würden Sie sich wünschen von der Politik, um Gewaltopfer präventiv besser zu schützen?
00:18:13: Ich hoffe, dass unsere gute Dokumentation zu mehr Gerichtsverfahren führt und darüber auch über den Umweg zur Prävention, aber ich glaube ganz wichtig ist, dass wir diese gerichtswertbare Dokumentation auf wirklich flächendeckend etablieren können.
00:18:28: Zusätzlich wäre eine tatverdächtige Untersuchung auch sinnvoll, dass man die Seite nicht vergisst, denn manchmal, gerade auch wenn wenig ab der Bewegung da sind und abhängig von dem, was passiert ist, kann es gut sein, dass wir den Tatverdächtigen die einzigen Spuren haben.
00:18:43: Und deswegen, wenn es welche gibt, uns schon angezeigt ist, glaube ich, es ist ganz wichtig, dass man sowohl betroffener als auch Tatverdächtige untersucht.
00:18:50: Das Thema Gewalt ist natürlich ein bedrückendes, aber die Arbeit, die hier in Graz und seit Anfang des Jahres auch in Wien für Gewaltopfer geleistet wird, die sendet ein positives Signal hinaus.
00:19:03: Wenn Sie unseren Hörerinnen und hören eine Botschaft mitgeben könnten.
00:19:08: Welche wäre das?
00:19:09: Trauen Sie sich.
00:19:10: Also sprechen Sie über Gewalt, enttabuisieren Sie Gewalt, sollten Sie Gewalt selber erleiden, kommen Sie zu uns, aber sprechen Sie auch andere Personen an, wenn Sie glauben, dass diese Gewalt erleiden.
00:19:21: Vielen Dank, Frau Prof.
00:19:22: Einze, für diesen Blick hinter die Kulissen einer Disziplin, die eben nicht nur Tote untersucht, sondern Lebende schützt.
00:19:30: Alle Infos zur Gewaltambulanz, zum Lehrgang Forensic Nursing und weiterführende Links gibt's in den Show-Notes und wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, abonnieren, weitempfehlen und vielleicht das nächste Mal auch mit einer Frage melden.
00:19:46: Bis zur nächsten Episode des Hörgangs.
00:19:48: Bleiben Sie neugierig und noch einmal vielen Dank, Frau Prof.
00:19:52: Heinze.
00:19:52: Sehr gerne, danke schön.
00:19:55: Das war der Hörgang mit Uni Graz.
00:19:57: Der Podcast von Springer Medizin, gemeinsam mit der Mietuni Graz.